Titel
Fotoexkursion

WEISSRUSSLAND | Elch- und Hirschbrunft im Pripyatski-Nationalpark

Sonderausgabe 2022

Mit NATURBLICK der Natur auf der Spur! Entdecken Sie unsere neue kostenloste Sonderausgabe direkt zum Blättern oder zum Runterladen.

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Sonderausgabe 2022 Coverbild
Einleitung:

Exklusive Tierfotografie in Weißrusslands Wildnis. Die unberührte Natur im Tal des Pripyat-Flusses: Undurchdringliche Sümpfe und überschwemmte Eichenwälder prägen diese einzigartige Landschaft, die in ihrer Form und Größe einmalig in Europa ist. Der Pripyatski-Nationalpark bietet mindestens 51 Säugetierarten eine Heimat. 256 Vogelarten – nahezu 80 Prozent aller Vogelarten in Weißrussland – sind im Nationalpark heimisch. Das Überschwemmungsgebiet Pripyat ist Europas größter Rastplatz bei der Migration der Zugvögel.

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Details:

Preis:
Preis p/P. im DZ 1.900,– € Einzelzimmer-Zuschlag 100,– €
Reiseziel:
Lyaskovichi, Weißrussland
Teilnehmerzahl:
4 bis maximal 8 Personen
Reisedatum:
26.09 - 03.10.2021
20.09 - 27.09.2022
27.09 - 04.10.2022
Anreise:
Eigene Anreise bis Flughafen in Minsk.
Zusatzinfos:

  • Einreise nach Weißrussland jetzt ohne Visum!
  • Seit 2018 brauchen EU-Bürger und Schweizer kein Visum für die Einreise nach Weißrussland. Diese Regelung gilt nur für die Einreise über den Flughafen Minsk!
Leistungen:

  • 7 Übernachtungen im Hotel
  • reichhaltiges Frühstück, Mittag- und Abendessen
  • Alle Transfers vor Ort (im Pripyatski-Nationalpark)
  • Sondergenehmigung (Fotogenehmigung) für Pripyatski-Nationalpark
  • uneingeschränkte Benutzung der Ansitzplätze
  • ortskundige und fotografische Betreuung durch Peter Scherbuk
  • kostenlose Leihausrüstung: Stative von Gitzo, Manfrotto, Sachtler und Berlebach; Fluidköpfe von Gitzo, Manfrotto und Sachtler; Kugelköpfe von Novoflex; sämtliche Tarnuntensilien (wie z. B. Tarnnetze); gemütliche Ansitzstühle
  • intensive Vor-Ort-Betreuung durch Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung
  • Dolmetscherin für die gesamte Dauer der Fotoexkursion
  • Sollte die erforderliche Teilnehmerzahl von 4 Personen nicht erreicht werden, können wir diese Exkursion leider nicht durchführen.
  • Änderungen vorbehalten
Nicht enthalten:

  • Flug nach Minsk/Weißrussland
  • nicht genannte Mahlzeiten und Getränke, Trinkgelder, Persönliches, Reiserücktritts- und Reiseunfall-Versicherung
Fotos:

Beschreibung:

WEISSRUSSLAND | Hirschbrunft im Pripyatski-Nationalpark

Exklusive Tierfotografie in Weißrusslands Wildnis

Die unberührte Natur im Tal des Pripyat-Flusses: Undurchdringliche Sümpfe und überschwemmte Eichenwälder prägen diese einzigartige Landschaft, die in ihrer Form und Größe einmalig in Europa ist.

Der Pripyatski-Nationalpark bietet mindestens 51 Säugetierarten eine Heimat. 256 Vogelarten – nahezu 80 Prozent aller Vogelarten in Weißrussland – sind im Nationalpark heimisch. Das Überschwemmungsgebiet Pripyat ist Europas größter Rastplatz bei der Migration der Zugvögel.

Wir holen Sie in Minsk am Flughafen ab und bringen Sie in den Pripyatski-Nationalpark. Dort wohnen Sie in einem kleinen Hotel mit Vollpension. Zu den Ansitzen werden Sie morgens vor Sonnenaufgang aufbrechen; am späten Vormittag erwartet Sie ein opulentes Frühstück. Die Mittagszeit gehört der Erholung, bevor es am Nachmittag nach einem guten Mittagessen erneut in den Nationalpark geht. Abends folgt noch ein Abendessen, danach schauen wir uns in geselliger Runde die fotografischen Ergebnisse des Tages an.

An mehreren Tagen werden wir jeweils im Wechsel mit maximal zwei Teilnehmern auf die Frühpirsch gehen, die anderen sitzen in dieser Zeit an. Der genaue Exkursionsablauf wird vor Ort nach Absprache mit allen Teilnehmern gemeinsam festgelegt. Unsere Fotoexkursion hat einen exklusiven Charakter, denn wir gehören zu den offiziellen Gästen des Nationalparks und haben Erlaubnis, uns frei im Nationalpark zu bewegen. Nach Ablauf der Fotoexkursion bringen wir Sie pünktlich zu Ihrem Flug wieder nach Minsk.

Belarus oder Weißrussland?

Der Staat "Republik Belarus" ist landläufig als Weißrussland bekannt. Doch weder ist "Bela-" in diesem Wort mit weiß, noch ist "-rus" mit Russland zu übersetzen. Wörtlich übersetzt lautet Belarus "Westliche Rus" - eine Referenz auf das mittelalterliche slawische Großreich der Kiewer Rus.
Historisch überholte Bezeichnungen wie "Weißruthenien" in der Zeit des Nationalsozialismus und "Belarussische SSR" während der Sowjetunion sind für die 9,4 Millionen Einwohner des seit 1991 unabhängigen Staates schmerzhaft und erinnern sie an die leidvolle Zeit der Fremdherrschaft.
Sie bezeichnen ihr Land meist als Belarus, weil es dessen Eigenständigkeit - insbesondere vom Nachbarstaat Russland - betont. Auf diplomatischer Ebene wird der Name "Belarus" im deutschsprachigen Raum schon lange verwendet, auch das Auswärtige Amt spricht von der "Republik Belarus". Zunehmend gehen auch deutsche Nachrichtenmedien zur Bezeichnung Belarus über.

Rückblick

Tagebuch einer Fotoexkursion in den Pripyatski-Nationalpark
Von Alexander von Brauchitsch

 

Wenn ich das richtig verstanden habe, bin ich im Moment in Lyaskovichy. Ganz sicher bin ich nicht, da öffentliche Schilder nur mit kyrillischen Zeichen beschrieben werden, und Kyrillisch und ich passen nicht zusammen. Nun kenne ich es so, falls die Kenntnisse 

der jeweiligen Landessprache nicht ausreichen, folgt der Text in englischer Sprache (Ausgang – exit usw.).

Nun, in Belarus oder Weißrussland folgen den kyrillischen keine englischen, sondern chinesische Schriftzeichen, und Chinesisch und ich passen auch nicht zusammen. Aber der Reihe nach.

 

Anreise

Wieder einmal befinde ich mich auf einer Fotoexkursion, und dieses Mal sollte es die Hirsch- und Elchbrunft im Pripyatski-Nationalpark sein. Auch Adler und Wisent, Luchs und 

Wildschwein, Wolf und Biber würde ich fotografisch nicht verschmähen.

Mein Plan ist, mit dem Zug nach Berlin und von dort mit einem Freund mit dem Flugzeug nach Minsk. Das mit der Reise klappte, das mit dem Freund nicht. Er ist krank.

BELAVIA, Berlin-Schönefeld, Terminal A, Gate 13, Platz 17 F sind meine Basisdaten. Nach einer sehr genauen Passkontrolle in Minsk erwarten mich schon Lilia, die Dolmetscherin, und meine Mitstreiter Kai und Martin. In einem gepflegtem VW-Bus machen wir uns auf die knapp dreistündige Fahrt nach Lyaskovichy mitten im Pripyatski-Nationalpark. Am Ziel angekommen, befinden wir uns dicht an der ukrainischen Grenze und nur ca. 130 Kilometer entfernt von Tschernobyl.

Wir erinnern uns wohl alle an diese Reaktorkatastrophe, die nach diversen Schätzungen weltweit zwischen 4000 und 60000 Toten gekostet haben soll. Der Biologe Alexej Jablokov, Biologe und ehemaliges Mitglied der Akademie der Wissenschaften, geht sogar von 1,44 Millionen Toten aus. Und das nur, weil angeblich die Sicherheitsvorschriften vom Personal bei einer Übung nicht eingehalten wurden. Bitter, sehr bitter! Beruhigend ist, dass ca. 30000 Expertisen Licht in den Tschernobyl-Dschungel werfen sollen. Aber die Toten bleiben trotzdem tot. Darüber wollen wir uns aber heute weniger Gedanken machen und sind guten Mutes für die nächsten Tage.

 

Unterbringung und Nationalpark

Das kleine Hotel, in dem wir untergebracht werden, gehört Stephan, dem Nationalparkdirektor, und seiner Frau Valentina. Ein einfacher Holzbau, aber alles, was wir glauben benutzen zu müssen, ist vorhanden. Sogar unser Stecker-Typ F, der Schukostecker, hat es bis Belarus geschafft, sodass wir keinen Adapter benötigen. Zuerst kommt das Gepäck nach oben, und danach treffen wir uns zu einem Begrüßungsbier an dem zentral gelegenen Esstisch.

Aber wir haben die Rechnung ohne Valentina gemacht. Valentina sitzt in der Rezeption und verlangt: „Passport bittä!“. Als Mensch mit oppositioneller Grundeinstellung versuche ich das Thema auf morgen zu verschieben, aber es gibt keinen anderen Weg. Das Bier muss warten. „Passport bittä!“ benötigt sie für meine Anwesenheitsbescheinigung im Hotel. Bei der Ausreise wird diese Bescheinigung mit strenger Miene von der Grenzbeamtin kontrolliert.

Der Nationalpark wurde erst im Jahre 1996 gegründet, um die Sumpflandschaft am Pripyat-Fluss zu erhalten. Da nach dem Krieg keinerlei Rotwild mehr existierte, wurden ca. 70 Stück aus Rominten und ca. 250 Stück aus Ungarn importiert und ausgewildert. Wenn ich das so alles richtig verstanden habe, was am Esstisch auf Weißrussisch/Polnisch/Deutsch erzählt wurde, sind die Geweihstangen aus Rominten stark, aber haben keine große Auslage. Die Stangen aus Ungarn sind dagegen nicht ganz so kräftig, aber die Auslage ist breit angelegt. Heute, ca. 20 Jahre später, wächst hier kräftiges und gesundes Rotwild heran. Die vielen Wölfe, jedes Jahr werden ca. 200 Stück erlegt, sorgen dafür, dass kranke und schwache Tiere nicht lange überleben können.

 

Der erste Tag in der belarusischen Wildnis

Morgens um 04.00 Uhr geht es los. Rothirsch und/oder Elch ist unser Begehr. Vorher noch einen Kaffee, und dann beginnt der Ernst der Reise.

Als Weg bezeichnet der Fachmann in den hiesigen Sümpfen zwei oft kaum sichtbare Fahrspuren. Heftig werden wir in unserem Geländefahrzeug durchgeschüttelt und versuchen dabei, die Fotoapparate und Objektive vor Schaden zu bewahren.

Probleme machen u.a. die Biberlöcher, die im Sumpfgras nicht zu sehen sind. Bist Du zu Fuß unterwegs, kann es sein, dass Du plötzlich bis zu den Hüften in einem Loch steckst. Sitzt Du im Auto, fliegst Du wild hin und her und holst Dir unter Umständen wie Martin eine schmerzhafte Rippenprellung. Am Ziel angekommen, wird hurtig mit Hilfe eines Tarnnetzes unter Beachtung der Windrichtung eine Sichtblende aufgebaut. Schnell hängen wir noch ein paar Zweige daran und einige Gräser, und schon sieht alles ziemlich natürlich aus. 

Dahinter ein Ansitzstuhl für die Bequemlichkeit und danach Stativ, Fotoapparat und last not least das Objektiv.

Wir selber haben uns mit Camouflage-Anzügen, Handschuhen und Gesichtsmaske „unsichtbar“ gemacht, glauben wir. Nun ist die Natur ja auch ganz schön „tricky“. Unmöglich kann ich von hellem Schnee bis zum dunklen Felsen, vom Schilfrand bis zur Fichtendickung immer den richtigen Anzug tragen. Die meisten Tiere haben gute Augen. Geht in einer 

belebten Einkaufsstraße eine Lady mit einem hellen Kleid oder ein dunkel gewandeter Mann, fällt uns das ja auch auf.

So heißt es ein Mittelding zu finden und sich zusätzlich so wenig wie möglich zu bewegen. Die Hauptsache ist ja, sie erkennen uns nicht sofort als Menschen. Ich habe viele Aufnahmen, da schaut das Tier mir direkt ins Objektiv. Ich komme mir dann irgendwie ertappt vor.

Mit unseren starken Objektiven sind wir gut ausgerüstet, aber wir benötigen nicht nur gute Objektive, sondern auch gute Foto-Objekte, wenn mir das Wortspiel erlaubt sei. Da Natur eben Natur ist, ist eine Garantie für gute Bilder nicht gegeben. Oftmals heißt es warten, warten, warten. Die Windrichtung passt. Der Sonnenaufgang und damit das Fotolicht kommen langsam von Osten auf uns zu, und die Spannung steigt.

Ganz langsam drehen wir den Kopf nach rechts, und ganz langsam drehen wir ihn wieder zurück und dann das Gleiche nach links. Vielleicht kommt ja von der Seite etwas Bewegung ins Spiel. Vorsichtige Muskelbewegungen sollen den Kreislauf unterstützen. Wenn Du ab 04.00 Uhr im Herbst ungeschützt und unbeweglich auf der freien Fläche sitzt, kriecht die Kälte unweigerlich langsam in Deinen Körper. Erst sind es die Knie und Oberschenkel, danach die Füße, und spätestens jetzt sollte etwas passieren, damit Deine Körpertemperatur Unterstützung durch ein wenig Adrenalin erhält. Im Winter, wenn es richtig kalt ist, ist dies der Zeitpunkt, an dem Zweifel an Deinem Tun wachsen und das gedankliche Verhältnis zu einem Glas Rotwein und Kaminfeuer innig wird.

Immer wieder kommt der Ratschlag, man möge sich um seine Gedanken intensiv kümmern, dann würde es schon wärmer. Meine mittlerweile langjährige Erfahrung sagt mir aber, hier draußen lässt die visuelle Wahrnehmung stark nach, wenn Du Dich in den privaten Teil Deines Gehirnes zurückziehst. Von Wärmezufuhr bzw. Rückgewinnung ist in diesem Punkt eher nichts zu erwarten.

Die Hirsche röhren seit 05.40 Uhr und rufen damit ihren Mädels zu: „Seht her, ich bin groß, ich bin stark, ich bin ein toller Erzeuger für eure Kinder!“ – Sie müssen sich schon sehr anstrengen, die Mannsbilder. Hier herrscht nämlich Damenwahl.

Gleichzeitig teilen sie damit aber den Konkurrenten mit, dass sie bereit sind, für ihre Damen zu kämpfen. Es ist fast so wie im richtigen Leben: Wer am lautesten schreit und der größte Macho ist, darf mal ran. Oder doch nicht? „Parship“ für Rotwild! Ich bin unsicher, ob bei dieser Damenwahl Humor, Bildung, gutes Benehmen usw. eine Rolle spielen. Irgendwo ist bestimmt ein Unterschied. Ganz sicher beim Geruch. Ich stelle mir gerade vor, ich würde wie ein Rothirsch in eine Matschkuhle pinkeln, mich darin wälzen und danach zu den Damen stolzieren und selbstbewusst verkünden: „Hey Ladies, I’m the only one!“ Vermutlich bekomme ich dann ein Problem.

Ein kleinerer und jüngerer Rothirsch wird aus dem Dickicht getrieben, und um 06.20 Uhr kann ich mein erstes Foto schießen. Und mehr kommt heute Morgen auch nicht.

Meine Mitstreiter haben mehr Glück. Eine Elchkuh mit zwei Kälbern hält sich länger vor ihrem Standort auf, und sie haben gute Bilder nach Hause gebracht.

Jetzt geht es erstmal zu unserem kleinen Hotel, danach folgt eine ausführliche Dusche und das Aufladen der Kamera-Akkus.

Ein kräftiges weißrussisches Frühstück folgt. Weiß- und Mischbrot mit Butter, Käse, Wurst und Kaffee. Höflich erkundigt sich der Koch nach unseren Eierwünschen. Die Zubereitung des gewünschten Rühreis lässt er sich ausführlich von Lilja, unserer Dolmetscherin, erklären. Aber der Weg zurück in die Küche ist lang, zu lang. Er dreht die Spiegeleier einfach auf den Kopf und lässt sie von dieser Seite auch anbruzzeln. Rührei à la Weißrussland. Wir tragen es mit Fassung.

Alle Nahrungsmittel seien biologisch und in der Umgebung angebaut und geerntet. In diesem Zusammenhang (wie komme ich nur darauf?) fallen mir die Worte Becquerel und Nachhaltigkeit ein. Wahrscheinlich sollte ich jetzt doch eher auf einer modernen, millionenschweren Rennyacht zwischen Großbritannien und Nordamerika segeln und mit Greta über den Unterschied zwischen Halleluja und den „hard facts“ diskutieren.

Um 15.30 Uhr soll es weitergehen. Bis dahin haben wir „frei“. Aber erst müssen wir uns noch ein bisschen erzählen, was wir alles gesehen haben. Es ist fast wie bei den Jägern.

Dazu kommt, dass wir alle angeschlagen sind. Kai beschließt wegen seiner ierenentzündung, nach Hause zu fliegen. Martin hat eine schmerzhafte Rippenprellung, Peter benötigt für seine sportgeschädigten Schulter- und Kniegelenke Spritzen, und mich plagt eine heftige Bronchitis mit Schnupfen und kräftigem Husten.

Aber wir haben einen guten Geist: Pawel. Er ist ein Freund aus dem Biebrza-Nationalpark/Polen und „eben mal“ die ca. 400 Kilometer hierhergefahren, um auch zu fotografieren. Er ist Arzt und versorgt uns mit den notwendigen Medikamenten.

Erkältung ist für mich immer ganz schlimm. Ich benötige Unmengen von Papiertaschentüchern und habe einen in diesem Falle völlig unzureichenden Basisbestand dabei. Lilja, die Dolmetscherin, meint hier in Lyaskovichi sieht das mit Nachschub schlecht aus. Das ist Luxus; hier nimmt man ein „Sacktuch“.  Aber sie fragt doch in der Nachbarschaft herum. Am nächsten Morgen kommen sie und Valentina mit strahlender Miene zu mir und überreichen acht Packungen Papiertaschentücher. Ich bin gerührt.

 

Röhrende Hirsche und klappernde Geweihe

Wieder einen Morgen später, Valentina und Stephan waren in einem Duty-free-Shop (!) einkaufen, überreicht Valentina mir noch ein Packerl Taschentücher, während Stephan sechs 

Flaschen Remy Martin und Co. auf den Tisch stellt. Augenzwinkernd meint er pantomimisch, das sind Taschentücher für die Kehle. Ich bin wieder gerührt. Gastfreundschaft in Weißrussland! Um 13.00 Uhr gibt es ein leichtes Mittagessen, eine selbstgemachte Suppe, Tomatensalat, o.ä.

So richtig zum Schlafen kommen wir tagsüber nicht. Denn um 15.00 Uhr stehen wir schon wieder gestiefelt und gespornt mit unserem Equipment unten, trinken noch schnell einen Kaffee, und dann sind wir wieder in den Sümpfen.

Jeder wird nach seinem Geschmack abgestellt. Der Eine möchte Rotwild möglichst mit Sonnenuntergang, der Andere hat es auf einen Hirsch im Wasser abgesehen und der Dritte versteckt sich am Schilf und möchte Elche fotografieren.

Ich stehe auf einer kleinen Böschung über einem kleinen, zehn Meter breiten Wasserlauf unter einer alten Eiche. Gegenüber wächst hohes Schilf und niedriges Schilfgras, hinter mir 

einige Büsche, und nach ca. 30 Meter fängt der Wald an.

Jetzt noch fix das Stativ aufstellen, die Kamera anhängen, den Standort maximieren (links oder doch rechts von der Eiche?). Nun ist auch nichts mehr von meinem „Taxi“ zu hören. Eine unglaubliche Stille senkt sich herab, und ich stehe alleine in der weißrussischen Wildnis.

Etliche Minuten später, mein Puls ist wieder auf normal, merke ich plötzlich, dass die Natur mein Dasein akzeptiert. Hier piept ein Rotkehlchen, dort hüpft ein Zaunkönig durch die Büsche und das „Tock, Tock, Tock“ eines Buntspechtes ist ein beruhigendes Geräusch. Bis zu den Knien reicht das Schilfgras. 

Irgendetwas ist auf einmal anders und als ich gaaanz vorsichtig das Gras auf die Seite schiebe, sehe ich auf meinem Stiefel einen Frosch sitzen. Auch die Waldmäuse sind unterwegs und flitzen über den Boden, dass das heruntergefallene Laub raschelt.

Die Tierdichte hier im Nationalpark ist enorm. Gleichzeitig sehe ich noch zwei Silberreiher und etliche Enten im Wasser, ein Kleiber turnt kopfüber an einem Ast, kleine Fische springen aus dem Wasser. Ein wunderschöner Abend.

Nur ein Eichelhäher macht mich ein wenig unruhig. Immer wieder krächzt er laut auf und fliegt ein paar Äste weiter. 

Regt der sich über mich auf, oder ist ein Fuchs oder Wildschwein unterwegs? Ich weiß es nicht. Plötzlich hinter mir aus dem nahen Wald ein lautes Röhren. Schon oft habe ich Hirsche gehört, aber doch nicht so nah. Das geht ja direkt in die Knochen, fast unheimlich! Dann 

antwortet einer auch aus dem Wald, aber ich kann nichts sehen. Einmal meine ich, die Geweihe klappern zu hören, das würde bedeuten sie kämpfen. Langsam entfernen sie sich von mir, und visuell bin ich leider nicht dabei. So ein Mist! Ruhe. Gute zwanzig Minuten später höre ich rechts von mir auf einmal Äste knacken. Einen Augenblick später stapft, nein der stapft nicht, dieser Rothirsch schreitet durch das knietiefe Wasser im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Knapp vierzig Meter entfernt. Was für ein Bild!

Die weißen Geweihenden blinken in der Sonne. Langsam schiebt er sich auf der anderen Seite die Böschung hoch und verschwindet im Schilf. Aber das Spektakel ist noch nicht zu Ende. Einen Moment später taucht er auf der anderen Seite des Schilfgürtels wieder auf und steht im kniehohen Schilfgras.

Er legt das Haupt zurück, dass die Geweihstangen fast den Rücken berühren und röhrt, zieht einige Schritte weiter und röhrt wieder. Das ist so laut, so urtümlich und unglaublich 

beeindruckend. Lange sehe ich ihn noch vor mir, obwohl er schon eine ganze Zeit lang weitergezogen ist.

Als ich wieder in dieser Welt bin, schaue ich doch sicherheitshalber schnell in die Kamera. Gott sei Dank – die Bilder sind da. Ich habe nicht geträumt. Einige Stimmungsbilder des Sonnenunterganges sollen den Abend abrunden.

Das Fotolicht ist an diesem Tag vorbei, und ich packe mein Equipment zusammen. Zufrieden unter meiner Eiche sitzend, lasse ich die Eindrücke Revue passieren und lausche auf die wenigen Nachtgeräusche, die durch die fast unwirkliche Stille dringen. Eine halbe Stunde später sammelt mich Peter wieder ein. Ein kräftiges Abendessen erwartet uns im Hotel.

 

Im Seeadler-Ansitz

Nachtruhe von 23.00 Uhr bis 03.30 Uhr. Als ich morgens in den Speisesaal komme, steht Martin schon an der Kaffeemaschine. Prima!

Seeadler, die größten Greifvögel Europas, sind heute der Hauptpunkt auf unserem Programm.

Weit fahren wir auf einem Sandweg in die Sümpfe. Fährten von Rotwild und sogar vom Luchs sind hier auf diesem Weg gut zu erkennen.

Am Rande einer großen Wiese stehen fünf mit Tarnanstrich versehene Ansitzhütten. 120 cm x 150 cm x 170 cm. Das Versteck hat zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: Es hat ein Dach und nach vorne eine große Fensteröffnung. Davor hängen wir ein Tarnnetz, in das mittig ein großes Loch für das Objektiv geschnitten wird. So kann ich trocken in der Hütte sitzen und durch das Tarnnetz bzw. die Kamera das Geschehen beobachten. Ich bin gebührend beeindruckt.

Ein Luderplatz wird vorzugsweise mit Fallwild beschickt, d.h. Wild, das durch Krankheit, Alter oder Unfall verendet ist. Aasfresser wie z.B. Wolf, Kolkrabe, Adler, Bär, Fuchs und Co. sind Besucher eines Luderplatzes. In diesem Falle hier vorwiegend Seeadler und Kolkrabe.

Alles ist fertig, aber ich bleibe aus obigem Grund gerne noch ein bisschen in der Dunkelheit hinter der Hütte stehen, um zu beobachten. Bereits kurz nach 05.00 Uhr kommt der erste Kolkrabe, der Späher, und setzt sich auf einen Ast in der Nähe. Nun wird es allerhöchste Zeit für mich, in der Hütte zu verschwinden.

Schon geht es los. Der Späher hat keine Gefahr signalisiert, und nun kommen sie von allen Seiten. Ich konnte einmal sechzig Tiere zählen und weiß nicht, was hinter mir noch alles in den Bäumen saß.

Noch ein paar Worte zu den Raben. Sie gehören zwar zu derselben Art wie die Krähen, haben aber sonst wenig mit ihnen zu tun. Sie sind ca. ein Drittel größer und schwerer, alleine der Schnabel ist so lang wie mein Mittelfinger, die Flügelspannweite liegt in der Spitze bei 130 cm. Allgemein bekannt ist die „Intelligenz“ dieser Vögel. In der „Rabensprache“ kennt man über dreißig verschiedene Lautäußerungen. Dazu kommen noch ihre „Fremdsprachenkenntnisse“, d.h. sie können sehr gut imitieren, z.B. Hundegebell, menschliche Rufe oder Dorfgeräusche.

Zwanzig Minuten später segeln auch die Seeadler heran. Sie sind deutlich größer als die Kolkraben. Es wurde eine Flügelspannweite bis 240 cm gemessen. Wunderschöne und sehr beeindruckende Greifvögel.

Die Adler landen meist etliche Meter vor dem Kadaver und gehen die letzten Schritte breitbeinig wie ein Sumoringer. Das sieht sehr souverän aus. Kommen sie sich aber untereinander zu nahe, kämpfen sie ziemlich rücksichtslos, schlagen mit den langen Flügeln aufeinander ein und versuchen, sich mit den langen, spitzen Krallen zu verletzen.

Während die Adler normalerweise ziemlich ruhig ihrem Geschäft nachgehen, sind die Raben permanent in Bewegung, fliegen hoch und zur Seite, zupfen die Adler von hinten an den Federn und versuchen sie so lange zu nerven, bis sie wegfliegen. Es sind immer zehn, fünfzehn Raben am und auf dem Kadaver. Im fliegenden Wechsel kommt jeder an die Reihe zum Fressen. Dabei krächzen und rufen sie ununterbrochen.

Dann auf einmal wie auf Kommando sitzen sie alle auf den Bäumen. Vielleicht ist ein Fuchs oder ein Wolf in der Nähe. Sie sind unglaublich vorsichtig. Nach fünf bis zehn Minuten geht das Spektakel von vorne los.  Wir haben viel Zeit für unsere Fotos.

Haben die Adler sich satt gefressen, fliegen sie oft nur fünfzig Meter weiter, setzen sich ins Gras und geben sich der Verdauung hin.

Wir üben uns in der gleichen Tätigkeit, aber in der Hütte. Unser Koch gab jedem von uns ein Lunchpaket, bestehend aus zwei Doppelscheiben Weißbrot mit Käse, einem Apfel und einer Thermoskanne mit Blümchentee. Das Brot klebt an den Zähnen, und Tee trinken ist dafür wie Erste Hilfe.

Irgendwann ist der Tee am anderen Ende meines Körpers angekommen und fordert freie Fahrt. Ich kapituliere. Im Moment ist aus der Hütte nur ein Rabe zu sehen. Vorsichtig öffne ich das Türchen. Langsam richte ich mich auf.

„Kraah, kraah, kraah“ ertönt der Kolkrabenwarnruf aus fünfzig Kolkrabenschnäbeln, und in einer dichten, schwarzen Wolke kommen sie aus den Bäumen hinter mir! Selten bin ich so erschrocken.

Ein wenig kleinlaut verschwinde ich nach meinem „Geschäft“ wieder in der Hütte. Erst nach zwanzig Minuten haben sie sich beruhigt (ich mich auch) und kommen sehr vorsichtig wieder zurück. Erst ein Späher, dann...

 

Wisente

Belarus ist ein sehr flaches Land. Die höchste Erhebung ist etwas über 300 Meter hoch, und sie liegt nicht in den Sümpfen. Deshalb sehen wir schon von Weitem eine Herde Wisente auf einer Wiese stehen. Wenn wir um ein Maisfeld pirschen, kommen wir näher an die Herde. Denken wir. Längst haben sie uns wahrgenommen, stehen mit den wuchtigen Köpfen aufmerksam in unsere Richtung, die Kälber hinter ihnen. Trotzdem gehen wir langsam weiter, aber näher als circa einhundert Meter kommen wir nicht. Die 30-köpfige Herde macht auf ein unsichtbares Kommando hin kehrt und galoppiert von uns weg. Sehr aufregend!

Immerhin werden die Bullen hier bis zu 610 Kilogramm schwer, 2,90 Meter lang und erreichen eine Schulterhöhe bis 1,88 Meter. Irgendwie bin ich erleichtert, dass diese mächtigen Tiere nicht in meine Richtung laufen.

Unwillkürlich denke ich an eine Norwegenreise. Wir pirschten bis auf knapp vierzig Meter an eine Herde Moschusochsen mit kleinen Kälbern. Leichtsinnig? Ich weiß es nicht. Aber sehr, sehr aufregend!

Die Tage gehen dahin, und jeder von ihnen bringt uns seine kleinen Abenteuer. Es macht große Freude. Ich genieße es trotz meiner blöden Erkältung, die sich einfach nicht vertreiben lässt.

 

Abschied und Rückreise

Der letzte Tag ist angebrochen. Morgens um 06.45 Uhr geht es wieder in einem kleinen Bus zurück. Irgendwo auf der Autobahn stehen drei PKWs an der Seite, ein paar Leute laufen aufgeregt herum. Daneben liegt ein toter Elch. Der ganze Hals ist aufgerissen. Pech! Ein Gaffer-Problem scheint es hier nicht zu geben. Glückliches Weißrussland! Wir versuchen, ein wenig zu schlafen und erreichen um ca. 10.00 Uhr den Flughafen. Hier trennen sich unsere Wege, jeder geht zu seinem Gate. Gepäck aufgeben – kein Problem.

Passkontrolle – mit der Lupe wird er ganz genau betrachtet, von vorne bis hinten durchgeblättert, das Bild mit meinem Gesicht verglichen (dabei soll ich nicht mit dem Auge zwinkern wurde mir aufgetragen), die Aufenthaltsbescheinigung von Valentina Wort für Wort durchgelesen. Endlich ist die Lady zufrieden.

Nun noch die Körperkontrolle. Den ganzen Tascheninhalt auf das Band, den Gürtel, die Uhr daneben und sogar die Schuhe ausziehen. Außer einer Zahnplombe ist kein Metall an oder in mir, und trotzdem soll ich zwei Mal durch den Röntgenbogen, einmal nach links und einmal nach rechts sehen und werde abgetastet. Auch bei der Röntgenkontrolle meines Fotokoffers ist Misstrauen angesagt. Ich muss ihn öffnen und jedes Objektiv, die Kamera und die Kleinteile einzeln herausnehmen und vorzeigen.

Puuh! Endlich bin ich durch. Noch neunzig Minuten bis zum Abflug. Auf einmal kann es mir nicht schnell genug gehen. 12.15 Uhr Abflug und bereits 13.05 Uhr Ankunft in Berlin, die Zeitumstellung macht es möglich.

Mein Zug startet aber erst kurz nach 16.00 Uhr, also eine lange Wartezeit. Ich trinke einen Kaffee, esse ein Croissant und warte weiter. Da ist ein Buchladen. Auf Schlagzeilen habe ich keine Lust, irgendein Krimi muss es jetzt sein. Bis Köln habe ich ihn locker ausgelesen, und er verschwindet in einem Papierkorb.

Pünktlich kommen wir an. Es ist halt angenehm, mit der Deutschen Bahn zu reisen.  Sohnemann Nicholas steht auf dem Taxiplatz am Kölner Hauptbahnhof, und zwanzig Minuten später bin ich zu Hause. Einen Gin Tonic gönne ich mir noch, und dann hurtig ins Bettchen.

Im Hinterkopf habe ich so die Idee, mit dieser Reise einen Schlusspunkt zu setzen. Aber im kommenden April nach Belarus zur Birk- und Auerhahnbalz ist schon ein großer Anreiz. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

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